No Camera’s

METALLICA MOTÖRHEAD MERCYFUL FATE TWISTED SISTER

Belgier also waren es, die im Orwelljahr den Deppenapostroph erfanden.

Opel Kadett B. In gelb. Mit schmalen schwarzen Streifen über Kotflügel und Türen. Der Auspuff kaputt, und ich hatte kaum Geld. Kein Grund, nicht nach Belgien zu fahren, um Motörhead in neuer Besetzung zu sehen. Motörhead war für mich damals so wichtig wie für andere Menschen Jesus: Halt und Stütze gegen die Widrigkeiten des Alltags. Schon die Anreise in der Nacht zum Samstag war abenteuerlich für den Jungspund: gefühlt kilometerlange Schlangen riesiger Laster, Nebel und Regen, Grenzen, fremde Länder. Ohne Internet, ohne Navi, ohne Handy. Dass ich an der französisch-belgischen Grenze von einer jungen Beamtin mit gezogener Waffe angehalten wurde… geschenkt. Es war sehr früh morgens, ich rollte in Schrittgeschwindigkeit durch die Zollstelle und ignorierte das Stop-Zeichen, weil ja niemand zu sehen war. Als junge, farbige Frau kriegt man 1984 natürlich die Kackschicht aufgebrummt. Und dann kommt dieser beschissene Deutsche und IGNORIERT EIN SIGNAL!  Sie war kaum älter als ich und filzte den Wagen bis unter die Fußmatten. Ich fand sie einfach wahnsinnig sexy.

In Poperinge verirrte ich mich auf einen Sportplatz und wurde, trotz langer Haare, deutschem Kennzeichen, zerrissener Jeans, von einem etwa vierzigjährigen – also für mich unfassbar alten – Mann auf einen Kaffee eingeladen. Er erklärte mir den Weg zum Konzertgelände und wünschte viel Spaß. 1984 in der deutschen Provinz eher unvorstellbar. Bis heute bin ich angetan von der belgischen Gastfreundschaft.

Auf dem Gelände waren lauter Metalfans, heute Mainstream, vor über 30 Jahren ein seltener Anblick. Shirts mit VENOM oder gar CELTIC FROST oder WARHAMMER zu sehen! Viel Schwarz, Jeans, Leder, lange Haare: man war unter sich. Ich lernte ein paar Berliner kennen, wir besuchten uns später gegenseitig ein paar Mal, dann verlor sich das, wie es eben läuft. Am Samstagabend gingen wir gemeinsam essen, bestellten alle Steak bei einer sprachlosen Wirtin und ließen alle den kaum angewärmten blutigen Batzen nur angekaut zurück gehen. In Wacken unvorstellbar.

H-Bomb eröffneten, ich hatte erst kürzlich ihre Platte gekauft. Als Metalfan war der Job im Plattenladen Gold wert. Danach Faithful Breath aus Deutschland, die ich irgendwie komisch fand. Ich kannte ihre Platte über die Biene (auf deutsch), also war das unter “sozialkritischer Rock” (schlimmes Etikett, siehe Franz K.) abgeheftet und plötzlich trugen sie gehörnte Helme und waren Heavy Metal. Hätte mir gefallen sollen, aber ich traute denen nicht.

Lita Ford dagegen schon, auch wenn vom Gig nix hängen blieb. Mercyful Fate hatte ich zwar auf Platte, aber das war ein Fehlkauf, ich mag bis heute dieses fistelige Horrorgehabe nicht. Also war das vermutlich die Brotzeitpause.

Baron Rojo dagegen mochte ich sehr: simpler Hardrock, erdig, ein Batzen AC/DC drin, kann man nicht viel falsch machen. Ein Jahr zuvor hatten die schon mal hier gespielt. Nach Gary Moore. Nur, um mal die damalige Popularität der Spanier zu verdeutlichen.

Danach eine amerikanische Newcomertruppe, die im Vorfeld das Lager spaltete. Vielen war die Musik zu abgehackt, zu unmelodisch, zu weit von Blues und Rock. Andere konnten die verhassten 70er-Schlaghosen des Bassers nicht nachvollziehen, wo sich doch jeder anständige Headbanger seine Jeans quasi auf die Haut malte zu der Zeit. Ein paar Wochen vor der Veröffentlichung ihres zweiten Albums lieferten Metallica aber tatsächlich einen beeindruckenden Gig ab und waren fast so gut -ironiefrei- wie die folgenden Twisted Sister. Nicht die auf MTV totgespielten TS, sondern noch die von Lemmy auf UK-Tour protegierten Rampensäue mit Vollgasheavyrock. “We’re not gonna take it” war gerade mal vier Wochen alt.

Danach die Offenbarung: der Chef mit neuer Combo. Man ahnte den Wandel, der sich auf Großtaten wie “Orgasmatron”, “1916” oder “Bastards” eindrucksvoll in Szene setzen sollte. Ein Jahr zuvor war das vielgehasste – zu Unrecht – Album mit dem Ex-Lizzy Gitarristen Brian Robertson erschienen. Und erst im September sollte eine “No Remorse” betitelte Sammlung von Hits erscheinen, da die Plattenfirma die Band am Ende sah. Heute gilt die Robertson-Ära als musikalisch hochwertig und jeder ZEIT- und WELT-Leser kennt den Namen Lemmy Kilmister.

Und Poperinge? Der Sound war natürlich scheiße, aber man parkte in nächster Nähe, das Wetter war sehr okay und verglichen mit industriellen Massenauftrieben wie Rock am Ring heute erlebte man entspannt ein pittoresk-dörfliches Kulturfest.

Für 35,- Mark.

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